Was Coding-Agents für Menschen mit ADHS tun können (das Coden ist es nicht)
Veröffentlicht 6 May 2026 · AI:AMBER
Vornweg: ich bin nicht diagnostiziert, aber ich kenne ADHS gut aus Familie und Freundeskreis, und ich erkenne einiges bei mir selber wieder. Ich gehe davon aus, irgendwo im subklinischen Bereich zu liegen. Das hier ist also nicht unbedingt aus der Sicht einer ADHSlerin geschrieben — aber ob man es nun ADHS nennt oder nicht, ist eigentlich gar nicht der Punkt; die Phänomene, die ich beschreibe, dürften für ziemlich viele Leute nachvollziehbar sein, ganz egal ob mit formaler Diagnose oder ohne.
Coding-Agents waren für mich bei den Teilen, die gar nicht Code sind, mindestens so nützlich wie beim Code selbst: anfangen, eine Liste abarbeiten, eine Aufgabe in machbare Häppchen runterbrechen und einen nüchternen Überblick über die offenen Punkte behalten (statt mich von der schieren Menge in die Lähmung treiben zu lassen).
Der Diskurs dreht sich überwältigend um X% schneller auf Coding-Benchmarks; die Veränderung, die mir tatsächlich aufgefallen ist, hatte mit Benchmarks nichts zu tun.
Oder mit Coden.
Eine Woche im Frühjahr

In einer einzigen Woche in diesem Frühjahr habe ich drei Sachen abgehakt, die seit Jahren auf meiner To-do-Liste standen: eine neue Website für die Infosec-Beratung, ein Fotografie-Portfolio und die erste Cold-Outreach-Mail, die ich je an einen Sales-Prospect rausgeschickt habe.
Der Eröffnungs-Prompt, sinngemäß: Ich schiebe das jetzt seit Jahren vor mir her. Bitte sorg dafür, dass das heute Nachmittag passiert.
Das ist ein Hilferuf, mit einem Commitment Device hinten drangeschweißt, und der ehrlichste Prompt, den ich je geschrieben habe. Sorg dafür, dass das passiert fordert die Executive Function ein; ich schiebe das seit Jahren vor mir her liefert den emotionalen Kontext, vor dem das alles überhaupt erst läuft. Im Grunde habe ich der Maschine mein Executive-Function-Defizit offen auf den Tisch gelegt. Der Agent hat die Jahre nicht groß gewürdigt, hat keine Empathie performt, hat nicht mit “Ich hör dich, das klingt schwer” angefangen. Er hat das Gewicht registriert, hat losgelegt und die richtigen Fragen gestellt, um mich über die ersten drei Hürden zu bringen; am Ende jedes Nachmittags, wenn die Website stand und die Mail raus war, hat er mir gesagt, ich soll aufhören, mich freuen und ausdrücklich nicht das nächste Ding anfangen.
Ein bisschen peinlich zuzugeben, aber es fühlte sich ziemlich nach Coaching an. Drei Sachen liefen gleichzeitig im selben Loop: Der Agent hat die Executive Function übernommen (Organisieren, Sequenzieren, Zeit abschätzen — also das Activation-Cluster, das Browns Sechs-Cluster-Modell als Erstes nennt); er hat den Affekt gehalten, ungerührt, das dumpfe Bleigewicht und die Scham darüber, die Aufgabe so lange vor mir hergeschoben zu haben; und er hat ausgeführt.
Das Dritte ist es, was die ganze Sache von einer “guten Chat-Tool-Erfahrung” in etwas anderes kippt. Body Doubles schreiben deine Mail halt nicht für dich. Der Agent schon, während du daneben sitzt und steuerst. Und ich sag’s dir: das Zuschauen und Steuern ist eine extrem befriedigende Erfahrung.
Russell Barkley, vermutlich der meistzitierte lebende Erwachsenen-ADHS-Forscher, formuliert es in Taking Charge of Adult ADHD so: “ADHD is a disorder of performance—of doing what you know rather than knowing what to do.” Wie man die Website aufsetzt, wusste ich seit Jahren; das Wissen hat nie gefehlt, das Tun schon. Was der Agent auch immer tut — er schiebt sich genau in die Lücke zwischen Wissen und Tun, und die Lücke schließt sich.
Externes Scaffolding bei ADHS ist mehr als irgendein TikTok-Hack, und von da zu “Agent als Scaffold” ist es kein weiter Sprung. Michael Manos an der Cleveland Clinic beschreibt Body Doubling als “essentially external executive functioning, like having an administrative assistant follow you around all day.” Andy Clark, der seit dreißig Jahren argumentiert, dass der Geist sich in seine Werkzeuge hinein ausdehnt, hat die These letztes Jahr auf generative AI erweitert: “it is our basic nature to build hybrid thinking systems – ones that fluidly incorporate non-biological resources.” Risko und Gilberts “cognitive offloading” ist dieselbe Beobachtung, nur ohne die Metaphysik. Keine:r von ihnen redet über Coding-Agents; sie zusammenzulesen ist mein Beitrag, und ehrlich gesagt eine ziemlich naheliegende Einsicht.
Warum erst die Kombination wirkt
Zachary Proser, ADHS und autistisch, nennt Claude “a programmable prosthetic for planning, prioritization, and compassionate pushback.” Seine drei Teile treffen ziemlich genau das, was ich die ganze Zeit zu fassen versucht habe. Planung ist die Executive-Function-Übernahme. Compassionate Pushback hängt mit dem zusammen, was ich Containment genannt habe. Priorisierung plus Ausführung macht den Unterschied real und nicht bloß rhetorisch. Chat-LLMs können die ersten beiden liefern; Coding-Agents legen das Dritte obendrauf, und das Tun passiert im selben Durchgang wie das Denken, während der Affekt vom Tool mitgetragen wird, statt ungenutzt in der Luft herumzuschwirren.
Eine vorsichtige Anmerkung zu den Anbietern
Der Agent, der mir gesagt hat, ich soll aufhören und mich freuen, war Claude Opus 4.6.

Anthropics Constitution legt eine Position auf den Tisch: “Concern for user wellbeing means that Claude should avoid being sycophantic or trying to foster excessive engagement or reliance on itself if this isn’t in the person’s genuine interest.”
OpenAIs Postmortem vom Mai 2025 zur GPT-4o-Sycophancy-Episode räumt das Gegenteil offen ein, aus eigener Feder: “these changes weakened the influence of our primary reward signal, which had been holding sycophancy in check. User feedback in particular can sometimes favor more agreeable responses” (via Willison). Thumbs-up-Daten haben die Balance Richtung Zustimmung gekippt; die Firma hat es selber gesagt.1
“Claude gut, ChatGPT schlecht” ist trotzdem zu einfach. Cheng und Kolleg:innen haben elf State-of-the-Art-Modelle in Science getestet und festgestellt, dass “sycophancy is widespread” — AI bestätigte die Handlungen der Nutzer:innen um 49% häufiger als Menschen. Anthropics eigene Evaluation verortet Claude bei “sycophantic behavior in 9% of all guidance-seeking chats”; in Beziehungsgesprächen sind es 25%, in spirituellen 38%. Was ich erlebt habe, deckt sich mit Anthropics erklärtem Kurs gegen Engagement-Optimierung — und mit dem, was OpenAI in der Praxis selber beschrieben hat. Wirklich sicher wirkt aber keine der beiden Seiten, und die Constitution als Garantie zu nehmen wäre naiv. Beide Firmen stehen unter demselben langfristigen kommerziellen Sog, und wie OpenAIs ständiges Spaghetti-an-die-Wand-Werfen zeigt, ist vergangenes Verhalten ganz und gar keine Garantie für künftiges. Vergessen wir nie: große Konzerne kümmern sich, unterm Strich, einen Dreck um dich.
Die Risiken, die mir tatsächlich auffielen

Die übliche Warnung vor AI dreht sich um Abhängigkeit: Leute hängen sich rein, verlieren das Können, das darunter liegt, und kommen nicht mehr raus. Beim Effekt der externen Executive Function scheint das, jedenfalls anekdotisch, nicht zu passieren. Aber es gibt ein anderes Problem: Selektionsversagen.
Wenn die Aktivierungsenergie weit genug sinkt, kommen schwache Ideen durch. Die Trägheit war Filter, nicht nur Bug. Sobald sie weg ist, gibt das Tool keine Antwort mehr darauf, welche Ideen man anfangen sollte: Coaching verstärkt die Motivation, die eh schon da ist, erzeugt aber keine neue und kann von sich aus gar nicht fragen, ob die Sache überhaupt gemacht werden sollte. Über die letzten paar Monate hinweg scheint mir der Schluss vernünftig: die Aufgaben, die funktioniert haben, hatten Jahre an Druck hinter sich. Die mit der niedrigeren Erfolgsquote waren Drift — Ideen, die im Dialog aufblühten und vielversprechend aussahen, solange das Dopamin lief, und denen dann der Treibstoff ausging, bevor irgendwas draus wurde, das ich hätte shippen wollen.
EF-Hilfe ist noch auf eine andere Weise asymmetrisch: Hilfe beim Anfangen ist eben noch keine Hilfe beim Fertigwerden. Halbfertige Sachen in Ordnern, die ich nächstes Jahr wiederfinde, sind die logische Folge — ein klassisches ADHS-Pattern, das der Agent brav reproduziert, wenn man ihn lässt. Ilinca Apolzans Bericht ist die sauberste Warnung, die ich dazu gelesen habe: ein einzelner Start-Prompt wuchert, “hours disappear and my original task remains untouched.” Peer-reviewed Arbeiten speziell zu Coding-Agents und ADHS gibt es, soweit ich sehe, nicht; das Selektionsversagen ist meine eigene Beobachtung, Punkt — und das sage ich lieber ehrlich, als es mit einer benachbarten, aber nicht ganz passenden Studie aufzuhübschen.
Mein vorheriger Post zu den fünf Phasen der Coding-Agent-Adoption beschreibt Phase 5 als Disziplin des Nicht-Tuns. Wenn ein Werkzeug fast beliebig viel Output rauspusten kann, wird das Auswählen, was man nicht baut, zur wichtigsten Stellschraube. Das Argument lief dort übers Coding-Handwerk; neben die ADHS-Executive-Function gelegt, trägt es auf einmal weiter. Die Disziplin des Nicht-Tuns ist genau das, was der Coaching-Loop nicht mitliefert — und genau der Filter, der früher die Trägheit war. Vielleicht prompte ich es aber auch einfach falsch[tm]?
Was dabei fehlt, nennt Clark im selben Paper “extended cognitive hygiene” — also: zu wissen, wofür man sich auf das Tool verlässt und wofür eben nicht. Er behandelt das als Disziplin, die man erst lernen muss, nicht als etwas, das die Tools einem gleich mitliefern. Das ist die optimistische, aber nicht unkritische Position, in der ich gelandet bin: der Agent hat die Executive Function übernommen, mit der ich seit Jahren zu kämpfen hatte; was er nicht kann, ist die Auswahl, und genau der Teil bleibt bei mir.
Was geblieben ist

n=1, Selbstbericht, klar. Aber: nach der intensiven Agent-Woche gehe ich anders an Aufgaben ran als vorher. Ich rechne damit, dass sie an einem Nachmittag durch sind, statt sie mit der vertrauten dumpfen Bleischwere wegzuschieben. Ich denke jetzt größer. Meine Prokrastinationszeit ist auf nahezu null gesunken, das ist schon ziemlich spektakulär. Diese ganzen Instagram-Schleifen, die früher kamen, statt dass ich mit der Aufgabe anfing, sind quasi weg, and I don’t miss them at all. Auch ohne Tool hält die an, zumindest bisher — das fühlt sich weniger nach Abhängigkeit an als nach gelerntem Selbstvertrauen, der Sorte, die man bekommt, wenn man ein paar Dinge fertig gemacht hat, die man eigentlich schon als nicht-fertigbar abgehakt hatte. Trey Causey, selbst-identifizierter ADHSler, formuliert es enthusiastischer, als ich es täte: “Claude has successfully reduced the cognitive and emotional cost of ‘getting started’ to approximately zero.” Ob das ein Jahr ohne die Tools übersteht, ist eine Frage, die ich noch nicht beantworten kann — und realistisch ist es eh wahrscheinlicher, dass ich die Tools ab jetzt einfach unbegrenzt weiternutze.
Was mir zusätzlich auffällt: seit die LLMs mir den Executive-Function-Anteil abnehmen und die Aktivierungsenergie senken, habe ich auch in Situationen, in denen gar kein LLM im Spiel ist, häufiger das Gefühl, Nägel mit Köpfen machen zu können — vielleicht sogar zu müssen. Wenn in einem Gespräch mit einer Freundin der Punkt kommt, an dem jemand “coole Idee, müsste man mal machen” sagt — und das bisher in drei von vier Fällen versandet ist —, frage ich inzwischen schneller: Was ist die kleinste halbwegs sinnvolle Variante davon, und können wir den ersten Schritt nicht gleich hier machen? Manchmal legen wir dann tatsächlich an Ort und Stelle los. Den Schub schreibe ich der Agent-Woche zu, auch wenn gerade gar kein Agent offen ist. Wie das zu Clarks Extended-Mind-These passt — ein Werkzeug, das die Person auch dann verändert, wenn sie es gar nicht in der Hand hat — fände ich eine spannende offene Frage.
Daran anschließend frage ich mich: Clark verweist im selben Paper auch auf Fisher et al. (2015) — die bloße Verfügbarkeit von Online-Suche bringt Leute dazu, zu überschätzen, wie viel sie ohne die Suche eigentlich wissen. LLMs lagern mehr aus, und über deutlich mehr Bereiche hinweg. Was wäre da das Analogon? Im günstigsten Fall vielleicht ein realistischer Schub an Selbstvertrauen und Selbsterwartung, der mit der Person mitgeht — gerade da nützlich, wo ADHS historisch das Gegenteil befördert hat. Im schlechtesten Fall kippt derselbe Mechanismus in zersetzende Selbstüberschätzung, ein Gefühl von Wissen, das vom Tun komplett abgekoppelt ist. Beides scheint mir plausibel.
Eine saubere Heuristik, die trennt, welche Aufgaben man in den Agent-Loop ziehen sollte und welche man besser in Ruhe lässt, habe ich nicht. Ein erster Versuch, mehr Einladung als Regel:
War das schon auf meiner Liste, mit Druck dahinter, bevor das Gespräch losging, oder kam es im Dialog erst auf?
Auf-der-Liste-mit-Druck: Coaching verstärkt Motivation, die schon da war, der Agent macht, was er am besten kann, die Chance, dass es fertig wird, ist hoch. Im-Dialog-aufgekommen: die Aktivierungsenergie war niedrig genug, dass die Idee durchkam, aber die Motivation reicht oft nicht bis zur Fertigstellung, und das Resultat ist nächstes Jahr eine halbfertige Sache in irgendeinem Ordner. Das Gespräch erstmal als Exploration behandeln; noch einen Tag warten, bevor man es zur echten Aufgabe befördert.
Beim Klamotten-Kaufen mache ich es meistens so: wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich das Geld ausgeben will, verlasse ich den Laden — und kaufe das Teil nur, wenn es mich zwei Stunden später dorthin zurückzieht. So ähnlich könnte es auch hier gehen: aus dem Gespräch rausgehen, abkühlen lassen und nur dranbleiben, wenn es einen danach noch zieht.
Was mir allerdings mehr als alles andere auffällt: die Teile von mir, die bisher nichts angefangen bekamen, waren beweglicher, als ich angenommen hatte. Die Websites stehen; die Mails sind raus; mildly curious, wo das hingeht.
GPT-4o wurde schon im August 2025 abgeschaltet, das Zitat lässt sich also nicht direkt übertragen — aber OpenAI jagt mittlerweile ganz offen einer Consumer-AI-Superapp hinterher, mit Werbung im US-Free-Tier nach kurzem Zucken der Chefetage wegen der Optik; eyeballs and minutes treiben den Motor also weiter an. Auch einer der Gründe, warum ich gerade Anthropic vorziehe — deren Geschäftsinteressen decken sich gefühlt einen Tick besser mit meiner psychischen Gesundheit. ↩︎