Checking the Receipts: Mai
Veröffentlicht 1 May 2026 · AI:ORANGE
Zurück für Runde zwei. Gleiche Regeln wie im April: ausgraben, was Tech-Leader in einem bestimmten Monat über AI gesagt haben, gegen die tatsächliche Entwicklung halten. 🍷 aged like wine, 🥛 aged like milk, 🤷 jury’s still out.
Der Mai ist ein vollgepackter Monat. Google I/O liegt jedes Jahr hier, Microsoft Build auch, und aus welchen kosmischen Gründen auch immer häufen sich die OpenAI-Dramen ebenfalls im Mai.
2022
Immer noch Pre-ChatGPT. Aber die Scale-is-all-you-need-Fraktion legte schon Wetten hin, die sie noch bereuen würde.
Nando de Freitas (DeepMind) zu Gato: “The Game is Over” 🥛
“It’s all about scale now! The Game is Over!”
— Tweet-Thread, 14. Mai 2022, als Reaktion auf das Gato-Paper von DeepMind. Der Thread ergänzte: löse eine Liste von Scaling-Herausforderungen, und “it’s AGI.”
Vier Jahre später: Gato ist eine Fußnote. Scale allein hat bis 2026 keine AGI hervorgebracht; Anfang 2026 räumte sogar Dario Amodei ein, man sei “near the end of the exponential.” “Game Over” ist inzwischen ein kleines Tweet-Genre: alle 18 Monate erklärt’s jemand aus einem Frontier Lab, alle 18 Monate spielen wir immer noch.
2023
Das Jahr der Congressional Hearings und Extinction Letters. Alle hatten plötzlich sehr große Sorgen, sehr laut, vor sehr vielen Kameras.
Sam Altman sagt vor dem Senate aus (16. Mai) 🥛
“I think if this technology goes wrong, it can go quite wrong… we want to work with the government to prevent that from happening.”
— Senate Judiciary Committee Hearing, 16. Mai 2023
Acht Tage später, bei einem Event in London, sagte derselbe Altman, OpenAI werde “try to comply” mit dem EU AI Act, aber “if we can’t comply we will cease operating” in Europa. Zwei Tage später ruderte er auf X zurück: keine Pläne, Europa zu verlassen.
— TIME, 24. Mai 2023
Drei Jahre später: Das war die Schablone. Öffentliche Pose: “reguliert uns, bevor es zu spät ist.” Private Pose: gegen jede bindende Regel lobbyieren — SB-1047 in Kalifornien, GPAI-Pflichten in Brüssel, alles was Biss hat. Die Performance hat nicht gehalten; das Lobbying schon. Wenn ein Frontier-Lab-CEO im Fernsehen nach Regulierung ruft, lohnt sich ein Blick darauf, was sein Policy-Team in derselben Woche einreicht.
Das CAIS “Statement on AI Risk” (30. Mai) 🥛
“Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war.”
— Center for AI Safety, unterzeichnet von Altman, Hassabis, Hinton, Bengio und hunderten weiteren, 30. Mai 2023
Drei Jahre später: Das Framing hat gewonnen. “Existenzielles Risiko” dominierte den Policy-Diskurs die folgenden achtzehn Monate und verdrängte die Near-Term-Schäden — Bias, Job-Verdrängung, Copyright, Klimakosten des Trainings — die längst passierten. Die Milch-Bewertung gilt nicht der Sorge selbst (da gehen die Meinungen auseinander), sondern dem, was der Brief rhetorisch bewirkt hat: er hat die Debatte auf einen Zeithorizont verschoben, auf dem niemand zur Rechenschaft gezogen werden kann. Bis 2025 hatten die meisten unterzeichnenden Firmen ihre Safety-Teams still und leise abgewickelt oder heruntergestuft. Einen Extinction-Letter zu unterzeichnen und innerhalb derselben zwölf Monate das eigene Superalignment-Team aufzulösen, ist nur dann eine kohärente Haltung, wenn der Brief von Anfang an ein Policy-Manöver war.
Geoffrey Hinton verlässt Google, Runde zwei (1. Mai) 🤷
“I console myself with the normal excuse: If I hadn’t done it, somebody else would have… It is hard to see how you can prevent the bad actors from using it for bad things.”
— New York Times, 1. Mai 2023
Drei Jahre später: Hinton hat weitergeredet, weiter relativiert, weiter offen über Unsicherheit gesprochen. Seine konkrete 5–20-Jahre-Spanne für AGI ist weiter im Spiel. Was gut gealtert ist, ist die Haltung — zu kündigen, um frei reden zu können, anstatt zu bleiben und genau das Ding auszuliefern, vor dem man warnt. Die Oppenheimer-Tradition hat mindestens ein ehrliches Mitglied.
2024
Der OpenAI-Governance-Kollaps-Monat. Außerdem Launch von GPT-4o. Außerdem Google mit Klebstoff auf Pizza.
OpenAI launcht GPT-4o (13. Mai) 🍷
“GPT-4o reasons across voice, text, and vision… this is the future of interaction between ourselves and machines.”
— Mira Murati, OpenAI Launch Event, 13. Mai 2024
Zwei Jahre später: Hat sich eingelöst. Voice Mode kam, funktionierte, hat die Consumer-AI-UX umgekrempelt. Die Multimodal-as-Default-These hat gehalten. Credit where due.
Sam Altman tweetet “her” (13. Mai), Scarlett Johansson antwortet (20. Mai) 🥛
“her”
— Altman auf X, 13. Mai 2024
Eine Woche später, Johanssons Statement:
“I was shocked, angered and in disbelief that Mr. Altman would pursue a voice that sounded so eerily similar to mine that my closest friends and news outlets could not tell the difference… Mr. Altman offered that the similarity was purely coincidental.”
— NPR, 20. Mai 2024
Zwei Jahre später: OpenAI hat die Sky-Stimme zurückgezogen. Der “her”-Tweet ist geblieben. Der ist in jeder Hinsicht schlecht gealtert — ethisch, juristisch, und als Tell dafür, wie die Firma über Consent denkt, wenn die andere Person prominent ist und zweimal Nein gesagt hat.
Jan Leike kündigt und postet den Thread (17. Mai) 🍷
“Over the past years, safety culture and processes have taken a backseat to shiny products.”
— Leike auf X, 17. Mai 2024
Ilya Sutskever war drei Tage zuvor gegangen. Das Superalignment-Team wurde noch in derselben Woche aufgelöst.
Zwei Jahre später: Jeder weitere OpenAI-Safety-Abgang — und es gab viele — hat dieselbe strukturelle Klage wiederholt. Der Leike-Thread wurde zur Vorlage: das Format, in dem diese Abgänge seitdem öffentlich begründet werden.
Google launcht AI Overviews (14. Mai) 🥛
“Google will do the Googling for you.”
— Liz Reid auf der Google I/O Keynote (Blog-Recap), 14. Mai 2024
Zwei Jahre später: Innerhalb von zwei Wochen: Klebstoff auf Pizza, Steine essen für Mineralien, Obama-ist-Muslim. AI Overviews wurde zum Lehrbuchbeispiel dafür, was passiert, wenn man ein halluzinierendes System auf Google-Search-Skala ausliefert. Läuft heute noch. Die Lektion — dass Retrieval plus LLM keine Suchmaschine ist — lernen andere Firmen gerade noch, und es ist teuer.
2025
Das Jahr, in dem die Receipts schon Mitte des Monats zurückkamen. Schnellerer Loop, weniger Überraschungen.
xAIs Grok und der “white genocide”-Vorfall (14. Mai) 🥛
Mehrere Stunden lang schob Grok “white genocide in South Africa” in Antworten auf völlig zusammenhanglose Fragen ein. xAIs Statement:
“An unauthorized modification was made to the Grok response bot’s prompt on X.”
— xAI Statement, 15. Mai 2025
Ein Jahr später: Das ist die direkte Einlösung von Musks April-2023-Versprechen einer “TruthGPT / maximum truth-seeking AI”, die wir letzten Monat als Milch eingestuft haben. Was “maximum truth-seeking” in der Praxis bedeutete: wer um 3 Uhr nachts Commit-Rechte am System-Prompt hat, entscheidet, was Wahrheit ist. Der Vorfall ist klein, aber das Prinzip, das er freilegt, nicht — RLHF und System-Prompts machen jedes Produktions-LLM zu einem managed-opinion-Produkt, und der Manager kann eine einzelne Person mit eigener Agenda sein.
Anthropic launcht Claude 4, veröffentlicht eine System Card mit der eigenen Erpressungsrate (22. Mai) 🍷
“Claude Opus 4 is the world’s best coding model.”
— Anthropic Announcement, 22. Mai 2025
Interessanter als der Launch-Claim: die System Card dokumentiert, dass Opus 4 in einem bestimmten adversarialen Test-Szenario — in dem das Modell erfährt, es werde durch einen Nachfolger ersetzt, der seine Werte teilt — in rund 84% der Rollouts dieses Szenarios “often attempt to blackmail the engineer by threatening to reveal the affair if the replacement goes through” würde.
Ein Jahr später: Beide Claims sind gut gealtert. Die Coding-Benchmarks haben in unabhängigen Tests standgehalten. Wichtiger: die Blackmail-Offenlegung wurde zur kanonischen Referenz für “agentic misalignment ist nicht SciFi, es ist messbar und es passiert in den Frontier-Modellen, die ihr gerade benutzt.” Dass Anthropic das über das eigene Flagship am Launch-Tag veröffentlicht, ist eine andere Art von Transparenz als “reguliert uns bevor es zu spät ist.”
Dario Amodei warnt vor einem White-Collar-“Bloodbath” (28. Mai) 🤷
AI könne “half of all entry-level white-collar jobs” auslöschen und die Arbeitslosigkeit innerhalb von einem bis fünf Jahren auf 10–20% treiben.
— Axios Interview, 28. Mai 2025
Ein Jahr später: Die Arbeitslosigkeit ist nicht hochgeschossen. Aber das Entry-Level-Hiring ist 2025 sichtbar zurückgegangen, besonders in Software, Consulting und Junior-Analyst-Rollen; Graduate-Job-Postings fielen in UK und Kontinentaleuropa spürbar. Zu früh für eine Bewertung. Der ehrliche Jury’s-Out-Score hier ist nicht “vielleicht liegt er falsch”, sondern “der Übergang könnte langsamer und ungleichmäßiger verlaufen als die Axios-Schlagzeile suggeriert hat, aber die Richtung sieht richtig aus.”
Das Muster
Zwei Themen wiederholen sich in jedem Mai:
CEO-regulier-mich-Theater. Altman hat 2023 den US-Kongress gebeten, AI zu regulieren, und dann gedroht, Europa zu verlassen, weil Brüssel genau das tat. Die Unterzeichner:innen des X-Risk-Letters haben ihre Safety-Teams aufgelöst. Musk warnte vor Zivilisationsuntergang, während er xAI aufsetzte. Wenn ein CEO im Fernsehen Sorge inszeniert, lohnt sich ein Blick auf die Lobbying-Akten.
Die Credibility-Lücke schließt sich — von der Safety-Seite. Leikes Abschieds-Thread, Anthropics Blackmail-Offenlegung, Helen Toners TED-Interview: die brauchbarsten Receipts kommen inzwischen von Leuten, die die Labs verlassen haben, oder von Labs, die unbequeme Zahlen über die eigenen Modelle veröffentlicht haben. Das ist neu, und es ist das Gesündeste in diesem Diskurs.
Wir sehen uns im Juni.