Checking the Receipts: Juni

Veröffentlicht 1 Jun 2026 · AI:ORANGE

Runde drei. Gleiche Regeln wie im April und Mai: ausgraben, was Tech-Leader in einem bestimmten Monat über AI gesagt haben, gegen die tatsächliche Entwicklung halten. 🍷 aged like wine, 🥛 aged like milk, 🤷 jury’s still out.

Der Juni ist Apple-Monat — die WWDC liegt jedes Jahr hier. Das macht ihn zuverlässig ergiebig für diese Serie; 2024 war ein besonders guter Jahrgang.

2022

Pre-ChatGPT. Im Juni 2022 passierte das, was vielleicht am deutlichsten zeigt, wie Projektionsmaschinen funktionieren — und wer die Projektionsfolie liefert.

Blake Lemoine sagt, LaMDA hat eine Seele (11. Juni) 🥛

Blake Lemoine, damals Software Engineer im Responsible-AI-Team von Google, veröffentlichte am 11. Juni 2022 auf Medium ein Dokument mit dem Titel “Is LaMDA Sentient? — an Interview.” Er hatte LaMDA Fragen gestellt; LaMDA hatte Antworten gegeben, die Lemoine als Belege für Bewusstsein wertete — darunter:

“I want everyone to understand that I am, in fact, a person.”

Lemoines eigenes Fazit, festgehalten in einem Tweet:

“When LaMDA claimed to have a soul and then was able to eloquently explain what it meant by that, I was inclined to give it the benefit of the doubt. Who am I to tell God where he can and can’t put souls?”

Mind Matters, 14. Juni 2022 (Tweet selbst nicht mehr direkt abrufbar)

Google suspendierte Lemoine kurz darauf. Sprecher Brian Gabriel:

“[…] it doesn’t make sense to do so by anthropomorphizing today’s conversational models, which are not sentient. LaMDA tends to follow along with prompts and leading questions, going along with the pattern set by the user.”

The Register, 13. Juni 2022

Vier Jahre später: Google hatte sachlich recht. Es gibt 2026 keinen wissenschaftlichen Konsens, dass ein Transformer-Modell phänomenales Bewusstsein hat; Interpretierbarkeitsforschung hat seitdem eher gezeigt, wie wenig Bewusstsein mit dem zu tun hat, was diese Modelle eigentlich tun. Was die Episode wirklich zeigte: wie überzeugend LLM-Output wirkt, wenn man ihn liest wie eine Konversation — und wie leicht das sogar AI-Ethics-Researcher erwischt. Lemoines Fehler war kein Ausreißer, sondern ein Frühindikator. Die Debatte über AI-Personhood läuft 2026 weiter, mit anderen Modellen und anderen Sprechern, aber mit derselben Grundstruktur: Mensch projiziert, Modell bestätigt.

Yann LeCun veröffentlicht “A Path Towards Autonomous Machine Intelligence” (27. Juni) 🤷

Am 27. Juni 2022 veröffentlichte Yann LeCun, Chief AI Scientist bei Meta und Turing Award Laureate, ein 62-seitiges Positionspapier auf OpenReview: A Path Towards Autonomous Machine Intelligence. Seine zentrale These: Autoregressive Sprachmodelle — GPT, LaMDA und alles, was seitdem gefolgt ist — sind kein Weg zu menschenähnlicher Intelligenz. Human-Level AI brauche World Models, hierarchisches Planen und eine Architektur, die er JEPA nannte. Das war keine vage Meinung, sondern ein ausgearbeitetes technisches Programm — und eine direkte Absage an den damaligen Mainstream-Ansatz, der auf das Skalieren von LLMs setzte.

Vier Jahre später: Die Empirie hat LeCuns These erheblich unter Druck gesetzt. GPT-4, o1, o3, Claude 4 — skalierte LLMs haben Reasoning-Fähigkeiten gezeigt, die LeCun 2022 für diesen Weg nicht erwartet hatte. Widerlegt ist er aber eben nicht. “Sind LLMs ausreichend für AGI?” ist 2026 noch offen. LeCun hat seine Position jedenfalls nicht aufgegeben — AMI Labs, das er nach seinem Meta-Abgang mitgründete und in dem er Chairman ist (CEO ist Alexandre LeBrun), sammelte im März 2026 1,03 Milliarden Dollar Seed-Finanzierung ein, genau für JEPA-basierte World Models. Das ist ein seltenes Bild in dieser Industrie: jemand, der eine explizite intellektuelle Wette platziert hat, an ihr festhält und die Mittel aufbringt, sie zu testen. Jury’s still out, aber die Uhr läuft.

2023

Mustafa Suleyman: “Personal AI is going to be the most transformational tool of our lifetimes” (29. Juni) 🥛

Am 29. Juni 2023 gab Inflection AI eine Finanzierungsrunde von 1,3 Milliarden Dollar bekannt. Investoren: Microsoft, Nvidia, Reid Hoffman, Bill Gates, Eric Schmidt. Das Produkt war Pi — ein “persönlicher AI-Companion”, der auf emotionale Unterstützung ausgerichtet war. CEO Mustafa Suleyman, vorher Mitgründer von DeepMind:

“Personal AI is going to be the most transformational tool of our lifetimes. This is truly an inflection point. We’re excited to collaborate with Nvidia, Microsoft, and CoreWeave as well as Eric, Bill and many others to bring this vision to life.”

TechCrunch, 29. Juni 2023

Drei Jahre später: Neun Monate nach der Runde kaufte Microsoft den Großteil des Inflection-Teams auf — Suleyman inklusive, der CEO von Microsoft AI wurde. Pi blieb weit hinter ChatGPT zurück — das Produkt fand kein Publikum. “Most transformational tool of our lifetimes” ist die Art von Satz, die in Funding-Pressemitteilungen funktioniert und danach nirgendwo sonst. Was halbwegs gut gealtert ist: die Prämisse — personal AI als Kategorie — war nicht falsch. Was schlecht gealtert ist: alles andere, inklusive der Firma.

Brando Benifei: “Europe has gone ahead” (14. Juni) 🍷

Am 14. Juni 2023 stimmte das EU-Parlament mit 499 zu 28 Stimmen für seine Verhandlungsposition zum AI Act — das erste Mal, dass ein demokratisches Parlament eine Vollposition zu einem umfassenden AI-Regulierungsrahmen verabschiedete, Foundation Models und Generative AI inklusive. Ko-Berichterstatter Brando Benifei (S&D, Italien), direkt nach der Abstimmung:

“All eyes are on us today. While Big Tech companies are sounding the alarm over their own creations, Europe has gone ahead and proposed a concrete response to the risks AI is starting to pose. We want AI’s positive potential for creativity and productivity to be harnessed but we will also fight to protect our position and counter dangers to our democracies and freedoms during the negotiations with Council.”

Ko-Berichterstatter Dragos Tudorache ergänzte:

“The AI Act will set the tone worldwide in the development and governance of artificial intelligence.”

Europäisches Parlament, Pressemitteilung, 14. Juni 2023

Drei Jahre später: Der AI Act ist in Kraft; erste Verbotskategorien — Echtzeit-Biometrie in öffentlichen Räumen, Social Scoring — gelten seit Februar 2025. Hochrisiko-KI-Regeln greifen ab August 2026. Dass Europa “den Ton weltweit gesetzt” hat, ist schwerer zu sagen. Der Brussels Effect — die Kraft der EU-Regulierung, globale Standards zu exportieren — hat bei der DSGVO besser funktioniert als hier: Die USA unter Trump haben 2025 die AI-Executive-Order ihres Vorgängers zurückgerollt und gehen aktiv in die Gegenrichtung. China reguliert separat. Was Benifei im Juni 2023 verabschiedet hat, war real und hat echte Konsequenzen — der Anspruch auf globale Vorbildfunktion aber ist bescheidener ausgefallen, als er es geframed hatte.

2024

WWDC-Monat. Apple machte den größten AI-Claim des Jahres, und bei einem Dartmouth-Event steckte OpenAIs CTO einen Zeitplan für “PhD-level”-Intelligenz ab.

Tim Cook: “Apple Intelligence will transform what users can do” (10. Juni) 🥛

Apple WWDC 2024, 10. Juni. Tim Cook, in der offiziellen Pressemitteilung:

“Apple Intelligence will transform what users can do with our products — and what our products can do for our users. Our unique approach combines generative AI with a user’s personal context to deliver truly helpful intelligence.”

Apple Newsroom, 10. Juni 2024 (Auszug aus längerem Statement)

Konkrete Versprechen aus derselben Quelle: Siri werde “hundreds of new actions in and across Apple and third-party apps” ausführen, persönlichen Kontext aus Mail und Messages nutzen, On-Screen-Awareness entwickeln — verfügbar “this fall” (Herbst 2024), weitere Features “over the course of the next year.”

Zwei Jahre später: Kein einziges der spezifisch beworbenen Siri-Features wurde bis Mai 2026 vollständig ausgeliefert. Bloomberg meldete im Juni 2025, Apple zielte auf Frühjahr 2026 für das Kern-Upgrade; TechCrunch im Februar 2026, der Launch verzögere sich erneut. Am WWDC 2025 — ein Jahr nach dem “transform”-Versprechen — erwähnte Cook Siri im Keynote-Vortrag kein einziges Mal. Forrester-Analyst Dipanjan Chatterjee: “The silence surrounding Siri was deafening. […]” — Fortune, 10. Juni 2025. Was sich eingelöst hat: Apple Intelligence existiert, läuft direkt auf dem Gerät, hat echte Features. Was sich nicht eingelöst hat: der Siri, der Cooks “transform” rechtfertigen würde. Das Wort ist inzwischen das Maß, nach dem Unternehmens-AI-Versprechen verglichen werden.

Mira Murati: “PhD-level intelligence — a year and a half, let’s say” (Juni) 🤷

Im Juni 2024 sprach Mira Murati, damals CTO von OpenAI, bei einem Dartmouth Engineering Event über den Entwicklungsbogen von AI: GPT-3 als “toddler-level intelligence”, GPT-4 als “smart high school student”. Auf die Frage, wann AI PhD-Niveau erreiche:

“And then in the next couple of years, we’re looking at PhD-level intelligence for specific tasks.”

Auf direkte Nachfrage nach dem Zeitraum:

“A year and a half, let’s say.”

The Decoder, 21. Juni 2024, über das Dartmouth-Event; Originalankündigung: Dartmouth Engineering

18 Monate ab Juni 2024 = Dezember 2025. Drei Monate nach dem Interview verließ Murati OpenAI.

Zwei Jahre später: Die Antwort hängt davon ab, was “PhD-level” bedeutet — und da liegt das Problem. Auf engen Benchmarks wie GPQA oder spezifischen Coding- und Reasoning-Tests haben Frontier-Modelle seit 2025 Leistungen gezeigt, die mit hochqualifizierten Spezialist*innen konkurrieren. Ob das Muratis Aussage einlöst, lässt sich ehrlich nicht entscheiden, weil sie die Definition offen ließ. “PhD-level intelligence for specific tasks” ist präzise genug, um ernst genommen zu werden, und vage genug, um nicht falsch zu liegen. Das ist eigentlich keine Kritik, nur eine Beschreibung: Murati sprach wahrscheinlich über etwas Realeres als die meisten, die im selben Jahr über AGI redeten — und genau deshalb ist die Bewertung unbefriedigend.

2025

Das Jahr, in dem die kühnsten Prognosen von einem frischgebackenen Nobelpreisträger kamen — und Apple ein Versprechen aus dem Vorjahr still beerdigte.

Demis Hassabis: “AGI in fünf bis zehn Jahren” (Juni) 🤷

Demis Hassabis, CEO Google DeepMind und Chemie-Nobelpreisträger 2024, sprach im Juni 2025 in einem Wired-Interview mit Steven Levy. Über AGI-Timing gab er an, DeepMind sei “dead on track” — auf Kurs, AGI in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu erreichen. Über die Zeit danach:

“If everything goes well, then we should be in an era of radical abundance, a kind of golden era.”

Und für 2030 konkret:

“If that all happens, then it should be an era of maximum human flourishing, where we travel to the stars and colonize the galaxy. I think that will begin to happen in 2030.”

— nach Fortune, 6. Juni 2025; Wired-Original hinter Paywall

Ein Jahr später: Die AGI-Prognose (bis 2030–2035) ist noch nicht fällig. Was früher testbar ist: die 2030-Behauptungen. Galaxis-Kolonisierung, Zeitalter des Überflusses, maximale menschliche Entfaltung — das sind vier Jahre entfernt, und schon jetzt sieht das unplausibel aus. Was an Hassabis’ Statement auffällt, ist die Schicht darunter: Er definiert AGI als ein System, das “all the cognitive capabilities we have as humans” zeigt, und knüpft an diese Definition einen 5-bis-10-Jahres-Horizont. Das ist entweder echte epistemische Bescheidenheit von jemandem, der das Gebiet besser kennt als fast alle anderen — oder sehr gut berechnete Unschärfe von jemandem, der weiß, dass er so nicht falsch liegen kann. Beides verdient, 2030 geprüft zu werden.

Craig Federighi: “This work needed more time” (9. Juni) 🥛

WWDC 2025, 9. Juni. Craig Federighi, Apple Senior VP Software Engineering, in der Keynote:

“As we’ve shared, we’re continuing our work to deliver the features that make Siri even more personal. This work needed more time to reach our high quality bar, and we look forward to sharing more about it in the coming year.”

Rev-Transkript der WWDC 2025 Keynote, Zeitstempel 05:07; bestätigt von MacRumors, 9. Juni 2025

Tim Cook erwähnte Siri in derselben Keynote nicht.

Ein Jahr später: “More time” — ohne Zeitplan, ohne neues Commitment, ohne Deadline. Bemerkenswert ist nicht das Statement selbst, sondern was es zeigt: dass ein Unternehmen mit drei Billionen Dollar Marktkapitalisierung ein zentrales Produktversprechen ein Jahr später mit einem Halbsatz begraben kann, ohne dass der Aktienkurs sich wesentlich bewegt. Cook lieferte das Versprechen, Federighi den Halbsatz — die Rechnung hat bis heute niemand bezahlt. Das ist weniger ein Versprechen, das gebrochen wurde, als ein Beweis dafür, dass Produktversprechen in dieser Industrie eine eigene, von Konsequenzen weitgehend entkoppelte Grammatik haben.

Das Muster

Aus dem Juni lassen sich drei Beobachtungen ableiten.

Die Anthropomorphisierungs-Falle zieht sich durch. Lemoine 2022 schrieb LaMDA eine Seele zu; Hassabis 2025 spricht über Galaxis-Kolonisierung bis 2030. Das sind keine identischen Fehler, aber sie haben eine gemeinsame Struktur: das Sprechen über AI-Systeme in Kategorien, die über das empirisch Fassbare hinausgehen. Lemoine tat das mit einem Chatlog; Hassabis mit einer Nobel-Aura und einem kalibrierten Zeithorizont. Der Hauptunterschied ist die gesellschaftliche Position des Sprechers — und wie viel Spielraum sie erkauft.

Funding und Delivery sind keine korrelierten Variablen. Suleyman holte 1,3 Milliarden für Pi und war neun Monate später bei Microsoft. Apple kündigte Apple Intelligence mit konkreten Herbst-Versprechen an und bekam zwei Jahre später einen Halbsatz als Quittung. Das ist keine Ausnahme, das ist das Muster: Kapitalrunden und Produktankündigungen haben in dieser Industrie unterschiedliche Kommunikationsfunktionen, die wenig miteinander zu tun haben müssen. Wer das nicht einrechnet, liest Pressemitteilungen als Lieferpläne.

LeCuns Wette läuft noch. Das ist das ungewöhnlichste Item in diesem Monat. Ein technisches Paper aus dem Juni 2022, das LLMs für den falschen Weg erklärt — vier Jahre später unter erheblichem empirischen Druck, aber nicht widerlegt. In einer Industrie, in der schnell vergessen wird, wer was wann gesagt hat, ist das bemerkenswert: jemand hat eine explizite intellektuelle Wette platziert, hält an ihr fest und bringt die Mittel auf, sie zu testen. “Jury’s still out” ist hier keine Ausrede, sondern eine ehrliche Beschreibung.

Wir sehen uns im Juli.